Libertärer Brief an einen Flüchtling

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(Antwort auf den offenen Brief von Jessica Mancuso viele Worte sind direkt aus dem original Brief übernommen, man möge mir verzeihen, dass diese nicht explizit als Zitate kenntlich gemacht werden… )

Lieber Mensch,

ich kenne Dein Geschlecht, Dein Alter und Deine politische sowie religiöse Ausrichtung nicht. Dies ist für mich auch belanglos. Ich kann kaum ahnen, wie die Umstände waren, die Dich aus Deinem Land vertrieben haben. Unsere Medien erzählen uns komplett widersprüchliche Dinge darüber. Meist geben Sie der Religion und deren Fanatikern die Schuld, oder Eurem offiziellen Oberhaupt, andere geben den Amerikanern die Schuld, aber auch das ist eigentlich egal. Wäre ich in Eurer Situation, wäre ich wahrscheinlich auch davongelaufen. Ich kenne Deine Geschichte, zumindest in Ansätzen, ich weiß, dass die Lösung von Unstimmigkeiten, vor allem religiöser Natur in Euren Kulturkreisen meist lautstark und gelegentlich gewaltsam vonstattengeht. Das wird mir von den Medien seit Jahren so verkauft. Das macht mir Angst.

Ich kenne Deine Geschichte nicht aus eigener Erfahrung, denn ich lebe in Europa, wo seit Jahrzehnten kein Krieg auf den Straßen herrscht. Das liegt hauptsächlich daran, dass unsere Väter, Großväter und Urgroßväter dafür gekämpft und geblutet haben, zu tausenden und abertausenden gestorben sind, über hunderte von Jahren hinweg. Unsere Streitkultur ist über diese Zeit gewachsen und wir akzeptieren deshalb viele Dinge, die in Eurer Heimat noch unter Todesstrafe stehen. Die Trennung von Religion und Staat ist der hauptsächliche Grund, warum es bei uns relativ friedlich zugeht. Leider verkommt diese Streitkultur immer mehr. Es scheint als ob jeder glauben(sic!) würde, jeder der eine andere Meinung als die eigene verträte, sei ein Idiot. Mach auch Du da nicht mit und sei vor allem nicht beleidigt, wenn jemand nicht Deiner Meinung ist. Ich versuche mich auch daran zu halten. Erinnere mich, wenn es sein muss daran!

Ich kann mir nur eine grobe Vorstellung davon machen, was Du in den letzten Wochen, Monaten und Jahren Deines Lebens durchmachen musstest, und dabei stehen mir die Nackenhaare schon zu Berge. Wenn Du das liest bist du in relativer Sicherheit vor den Dingen vor denen du fliehst. Nimm also deinen Krieg nicht mit hierher, sonst könnte es hier bald ähnlich aussehen, wie bei Dir zu Hause. Verstehe die Leute, die dich nicht hierhaben wollen nicht falsch und beweise Ihnen einfach das Gegenteil, überlege Dir, wie jemand bei Dir willkommen geheißen würde, der öffentlich zugibt, dass er schwul ist, oder Atheist.

Ich möchte Dich hier willkommen heißen, wo auch immer Du gerade bist. Halte Dir stets vor Augen, wie viel Du schon geschafft hast – wie stark Du bist! Halte Dir aber auch vor Augen, wo Du bist und habe Respekt für diejenigen, die Dir ermöglicht haben hier in Frieden und Sicherheit zu sein. Ich glaube fest an ein friedliches Zusammenleben und an eine gute Nachbarschaft: Ich bin für Dich da wenn Du Hilfe brauchst! Wenn Du allerdings deine inneren und äußeren Kriege mit Dir bringst und hier weiter austragen willst, werde ich meine Familie schützen, vor Dir und vor jedem anderen der Ihr schaden möchte. Das hat nichts mit Deiner Herkunft, deinem Alter oder Deiner Religion zu tun. Sicherlich verstehst Du das, du hast Deine Familie ja auch geschützt, wenn Du mit Ihr hierher geflohen bist. Hast Du Deine Familie im Kriegsgebiet alleine gelassen? Dann halte ich Dich für einen erbärmlichen Feigling. Kein echter Mann würde das tun. Entweder ich bleibe und kämpfe, oder ich nehme meine Familie mit, koste es was es wolle. Wenn du alleine bist, habe ich für Dich Verständnis. Ich würde auch nie für einen „Staat“ kämpfen.

Du findest mich in jedem Gesicht auf der Straße und in jeder Hand, die Dir gereicht wird; ich bin Mutter, Vater und Kind, ich bin Mensch. Ich bin aber auch ängstlich, ich bin mutig, ich bin schwul, bi oder „heteronormativ“, ich bin Christ, Buddhist, Atheist oder gemäßigter Moslem. Ich bin ziemlich frei aufgewachsen, das ist mein Glück. Du sollst wissen, dass nicht jeder, der dich heute mit offenen Armen und klatschend am Bahnhof begrüßt hat, dein Freund ist, ebenso ist nicht jeder, der Dir gegenüber skeptisch ist, dein Feind. Bilde Dir Deine Meinung, lerne aus den Fehlern unserer Gesellschaft und aus den Fehlern deiner Gesellschaft. Lerne die Leute hier kennen. Das Individuum kann zu einem Freund werden, niemals die Gruppe. Von Skeptikern kannst Du mehr lernen, als von Leuten, die Dich nie kritisieren.

Du bist hier willkommen (für mich, denn nur für mich selbst kann und darf ich sprechen), solange Du nicht versuchst unsere Werte und Errungenschaften zu umschiffen oder zu verändern: Mann und Frau sind gleichberechtigt, auch in der Öffentlichkeit. Ich darf Deinen Glauben kritisieren und Du darfst meinen Glauben kritisieren. Dadurch können wir etwas voneinander lernen. Gewalt ist hier unerwünscht. Wenn du damit leben kannst, kann ich auch damit leben. Falls Dich das irritiert oder gar abstößt, dann bist Du hier vielleicht nicht richtig…

Wenn Du aber zu Gewalt greifst um das zu bekommen, was Du glaubst es stünde Dir zu, sei es Zustimmung in Glaubensfragen, Gehorsam von Kindern oder Frauen, Sex oder egal was, außer Freiheit und das Recht darauf in Ruhe gelassen zu werden, dann bist du hier meiner Meinung nach falsch und ich werde Dir das mit allen Mitteln die mir zur Verfügung stehen zeigen…

 

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